3.5.06

Leben auf Probe

Die Gesellschaft der Flexibilisierten hat nun eine Selbstbeschreibung.

In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfasste Douglas Coupland mit „Generation X“ ein einprägsames Bild der damaligen US-amerikanischen Twentysomethings. Das Buch wurde ein Bestseller der damaligen Grunge Generation. Nun ein Jahrzehnt später, mittlerweile ist diese Altersgruppe auch in Deutschland um die dreißig, schrieb Nikola Richter eine Art Fortsetzung. Aus der „Generation X“ wurden „die Lebenspraktikanten“, doch eines hat sich kaum verändert: die Ängste vor einer trostlosen Zukunft. Die VerliererInnen der neoliberalen Sparpolitik in Staat und Wirtschaft stehen ihren etablierten Eltern gegenüber, die sich über das Durchjonglieren zwischen unbezahlten Praktika und schlechtbezahlten Nebenjobs ihrer Kinder wundern.
Nikola Richter erzählt die Lebensrealitäten eines siebenköpfigen Freundeskreises. Ein Leben zwischen Bewerbungen, Hospitanzen, globalisiertem Pendeln zwischen Jakarta und New York, unerfüllbaren Beziehungs- und Kinderwünschen. Dabei ernähren sich die „LebenspraktikantInnen“ von den allabendlichen Buffets auf Veranstaltungen, getrieben von der Hoffnung nach einer Aussicht, denn „Aussichten wären schön, oder?“
Diese Realität kennt Richter von ihrem eigenen Stipendien-, Praktika- und Jobmarathon bestens. Die Autorin erzählt kleine Episoden aus dem Leben, die gerade durch ihre leichte Überdrehtheit sehr nahe an die Lebensrealität Vieler herankommen. Dabei erlebt der/die LeserIn mit, wie die Betroffenen langsam von angepassten PraktikantInnen zu politisierten Menschen werden: „Es gibt das Menschenrecht auf Arbeit und das Menschenrecht auf gerechte und befriedigende Entlohnung. Interessieren sich heutige Arbeitgeber für die Menschenrechte?“
Kurz bevor es scheint, dass die Beschriebenen wieder dort landen, wo ihre Alt68er Eltern gestartet sind, bevor sie den Marsch durch die Institutionen angetreten sind, dreht Richter die Handlung. Im letzten Kapitel machen sich die Betroffenen selbstständig und werden erfolgreich. Damit endet die Geschichte schließlich in einem kitschigen Happy End und schreibt den Mythos der Leistungsgesellschaft fort.
Trotz allem und dank der ersten 160 Seiten hat „Die Lebenspraktikanten“ das Potenzial zum Kultbuch. Es zeigt eine andere, junge Lebensrealität gegen die Bestseller eines Frank Schirrmacher und dessen altbackener Methusalem- und Gebärprosa.

Auch im realen Leben beginnt sich langsam Widerstand gegen prekäre Bedingungen am Praktikamarkt zu zeigen. Während in Frankreich Tausende gegen den Quasi-Verlust ihres Kündigungsschutzes protestieren, mobilisiert in Deutschland ein Verein namens „Fairwork“ gegen moderne Formen der Ausbeutung. Deren Vorsitzende, die 27jährige Betriebswirtin Bettina Richter, klagte im April 2005 ihren ehemaligen Arbeitgeber auf Gehaltszahlung. Heute führt der Verein eine schwarze Liste von fragwürdigen Firmen. Seit einigen Jahren gibt es nun auch schon innerhalb der Gewerkschaft der Privatangestellten die Interessensgruppe work@flex als Interessensvertretung aller so genannten „atypisch Beschäftigten“.

Nikola Richter (2006): Die Lebenspraktikanten. Fischer Taschenbuch, 190 Seiten. € 8,XX
Zu work@flex: http://www.interesse.at/flex